Trisomie 21: Test auf Krankenkassekosten oder Beihilfe zum Mord. Every Life Matters!

In Deutschland wird diskutiert, ungeborenes Leben auf Down-Syndrom kostenfrei testen zu lassen.

Neuerlich hat sich eine Debatte entfacht, ob ungeborenes Leben auf Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom, kostenfrei auf Krankenkassekosten getestet werden soll. Das Kalkül ist klar: Die Kassa will Kosten einsparen und die ohnehin sehr hohe Abtreibungsquote bei Down-Syndrom von 90% noch höher zu schrauben. Das in Deutschland.

 

Es ist nun der Stunde der Experten und Pundits, deren Wortmeldungen ich durch die Bank als betroffenen Elternteil ablehne und widerlich finde. Dieses Abwägen und Weichspülen einer behaupteten Normalität, aus der heraus die Barbarei blickt. Über die Köpfe und Erfahrungen der Betroffenen hinweg wird verhandelt, welches Leben lebensunwert ist und welches nicht. Für mich ist diese Debatte eine Debatte über Mittel zur Beihilfe von Mord. Das in Deutschland.

 

Ich möchte als betroffener Elternteil meine subjektive Sicht darstellen und spreche, dies sei gleich vorbeugend gesagt, nicht als pars pro toto für alle betroffene Eltern. Das wäre absurd. Niemand kann das. Unser Sohn ist sieben, er hat Trisomie 21, und, was nicht unwesentlich ist, er ist Jude. Ich spreche natürlich auch nicht für das Judentum. Das wäre absurd. Niemand kann das.

 

Aber es scheint so, dass man mit antijüdischen Remplern leben muss, wenn beispielsweise dem Kind als Namenszeichen u.a ein „Gelber Stern“ angeboten wird und „frau“ das als prima Idee empfindet oder wenn im Rahmen des „Multikuturellen Nachmittags“ die eigene Darbietung, sprich Darbietung einiger jüdischer Lieder, am Vortag einfach so mal abgesagt wird. Man könnte so dann empfindlich werden, wenn dann das Kind es schafft, sich dreimal unbeaufsichtigt von der Kita zu entfernen.

 

„Every life matters!“ muss man da eher mit Fragezeichen versehen! Aber man kann sicher nicht generalisieren, alles gut erklärbare Einzelfälle, die aber ohne Zweifel Kraft kosten. Aber es kostet nicht der Sohn Kraft, sondern die Umstände, ignorante Erwachsene, die Behörden und dumme Medien.

 

Dazu muss man nun sagen: Mein Sohn hat Down-Syndrom, er kostet nicht Kraft, er gibt, wie jedes Kind, Kraft, aber die Umstände kosten oft Kraft und den Umständen ist jeder mit jedem Kind ausgesetzt, denn wenn antijüdische Rempeleien durchgehen, gehen jegliche Rempeleien durch…

 

Wie auch immer: Eltern, die nicht die Kraft haben, für ein Kind mit Trisomie 21 zu sorgen, haben auch keine Kraft für ein Kind ohne Trisomie 21…sie wären in jedem Fall über kurz oder lang überlastet. Dies kann so daher kein Argument sein für einen kostenlosen Krankenkassentest. Sehr viel grundsätzlicher – und eine Argumentation, die man nicht teilen muss – , denn es ist geboten: „Du sollst nicht morden„, was sich auf das ungeborene Leben erstreckt.

 

Das Kind – entspricht es nicht den Normen – wird zum Problem erklärt, was dann seinen pränatalen Mord rechtfertigen soll. Die Normen können beliebig nach unten oder oben verschoben werden und damit landen wir bei Eugenik, lebensunwertes Leben, Willkür und ähnliches mehr. Also, auch ohne Bezug auf die Tora, ist es klar, dass sich Mord nicht durch ein mehr oder weniger an Unbill oder Bequemlichkeit rechtfertigen lässt. Ein solches Prinzip ist in sich widersprüchlich und willkürlich. Dies kann so daher kein Argument sein für einen kostenlosen Krankenkassentest.

 

 

Die Frage vom Recht auf Abtreibung will ich mal außen vor lassen. Es soll ein Recht der Frau bleiben, aber es soll nicht indiziert werden durch Gentests. Ich persönlich bin gegen Abtreibung, aber das ist  für die weitere Argumentation ohne Relevanz und lasse ich mal außen vor.

 

 

Kinder mit Down-Syndrom sind Kinder wie alle anderen Kinder, weil sie Menschen sind: Sie haben ihre Zicken, ihre Stärken, ihre Schwächen, sie leiden wie alle, sie freuen sich wie alle. Ihr Blut ist nicht weniger rot als das der anderen. „Every life matters!“

 

 

Ja, man hat den subjektiven Eindruck, Kinder mit Down-Syndrom lachen mehr, freuen sich intensiver, sie schaffen Frieden in Gruppen durch ihr Wesen. Das sind aber keine Argumente, denn sie sind von der Nützlichkeit diktiert. Sie sind, weil sie sind oder wie es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bestimmt: Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben.

 

 

Aber es gibt auch eine dunkle, tieftrauige Seite. Sie verstehen sehr rasch, dass sie anders sind, dass ihnen die Sprache als Ausdrucksform fehlt bzw. sehr eingeschränkt ist. Sie langsamer sind beim Laufen, langsamer sind, das Essen vom gemeinsamen Tisch in der Kita zu nehmen, sie später springen und hüpfen, später schwimmen, später Rad fahren können und vieles mehr; wenn überhaupt.

 

Man erfährt als Vater/Mutter nicht, was in der Kita war, denn dein Kind kann es dir nicht erzählen. Man sieht sehr rasch, dass es die Rahmenbedingungen sind, die einen hilflos und ohnmächtig machen, dich und dein Kind aussperren. Und noch mehr, wenn man Jude ist.

 

 

Ich habe gesehen (und verhindert), wie junge Männer (in Berlin) versucht haben, einen jungen Mann mit Down-Syndrom mit seinem eigenen Schal zu strangulieren, und anderes mehr. Gewalt gegen alles, was als Opfer gesehen wird, Gewalt gegen Behinderte. Ist die Antwort nun, die Opfer zu ermorden oder sollte man sich nicht besser den Tätern zuwenden?

 

Der Unbill, der Menschen mit Down-Syndrom widerfährt, bedrückt das Herz, keine Frage. Am Boden ist man, wenn man mit seinem Sohn Sprachübungen macht und er dann endlich einen Satz spricht, der einen sofort in den Abgrund stößt: „Ich kann nicht sprechen“ und dann verstummt. So erlebt.

 

 

Ja, all diese Probleme gibt es. Die Ahnung und nagende Furcht, dass er einmal alleine ist. Diese Gefühle kennen alle. Doch diese Gefühle weisen auf mehr hin. Der Bogen ist größer, der Fingerzeig mächtiger. Manche vertrauen hier auf G´tt, manche auf Vorsorge, manche auf den Familienverband und manche auf alles drei….

 

Aber diese Probleme und Furcht gibt es nicht, weil ein Mensch Down-Syndrom oder eine andere Form der wahrgenommen Behinderung hat, sondern weil es einen Ausschluss gibt, der uns alle treffen kann und den sie, Menschen mit Down-Syndrom, schlagartig sichtbarer machen. Sie sind die Antennen.

 

 

Die Watte der Selbstgewissheit und Sicherheit ist weg. Die Barbarei blickt hindurch, die sich am Ende des Tages gegen alle und jeden wendet. Und da frage ich mich und andere: Ist es die Lösung, solche Menschen schon vor ihrer Geburt zu ermorden, damit sie dies alles nicht erleiden müssen? Nein! Denn ihr Leid ist unser Versagen als Mensch.

 

Und dann blicke ich nach Israel und sehe, dass Menschen mit Down-Syndrom, Autismus und anderen Behinderungen ihren Dienst in der IDF – der israelischen Armee – leisten können, freiwillig, vollwertig, und wie sie daran wachsen, groß werden und einen substantiellen Beitrag zur Erhaltung und Verteidigung der Demokratie und Gesellschaft in Israel leisten. Ja, es ist ein anderer Weg möglich und er ist sicher noch nicht zu Ende gegangen.

 

Integration, Inklusion und wie man es auch immer noch benennen mag, ist eben nicht sozialtherapeutisches Wegsperren oder Beihilfe zum Mord, was es wird, wenn man keine Mittel, Ressourcen und entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen beistellt.

 

Und ja, man wird, was vielen Verbänden unangenehm ist, abseits der Charities und Ausbau individueller Verbesserungsmaßnahmen, was gut und richtig ist, grundsätzliche Fragen stellen und Debatten abseits des Kindchen- und Opferschemas führen müssen.

Ein Kommentar zu „Trisomie 21: Test auf Krankenkassekosten oder Beihilfe zum Mord. Every Life Matters!

  1. Ich habe in Zivildienstzeiten (und zeitweise danach) mit behinderten Menschen gearbeitet – und sehr viel von ihnen gelernt. Viele von ihnen leisten trotz Handicaps Beachtliches und sind ein Quell von Lebenserfahrung und – ja: Weisheit. Es gab Betreuer, die sich besonders gut auf die „Klienten“ mit Down-Sydrom und ihren teilweise sympathischen Eigenheiten einstellen konnten und sagten: „Meine Lieblingsbehinderung“. Sich auf (mutmaßlich) Widriges, Unerwartetes und Hindernisse einzustellen: Das gehört zum Leben, ja: macht Lebenserfahrung und Lebensqualität aus. Natürlich müssen Eltern, die ein Kind mit Handicap haben, sich darauf einstellen und vieles im Leben an ihnen ausrichten – aber die allermeisten von ihnen lieben sie trotzdem und möchten sie nicht missen.

    Wenn es bei dem kostenlosen Trisomie 21-Test bei Schwangeren nur darauf ankäme, sich besser auf das Kommende einzustellen: Sei’s drum. Aber wenn es als Ermutigung zu Abtreibungen aufgefasst wird: Dann macht es auch mich traurig. Früher baute man Behinderteneinrichtungen immer an den Rändern der Stadt. Behinderung sollte aus der Wahrnehmung und dem Bewusstsein der Menschen herausgehalten werden. Sehr schade! Jeden von uns kann es – etwa durch Unfall, Krankheit, Alter – passieren sich auf körperliche Einschränkungen einstellen zu müssen. Andererseitss, wenn man sich dessen bewusst ist: Dann darf man jedes Stück Gesundheit und jeden sinnvoll genutzten Tag des Lebens umso mehr genießen und dankbar dafür sein!

    Anstatt Menschen Angst vor Behinderung zu machen, sollten viel mehr die positiven, ermutigenden Beispiele herausgestellt werden. Es gibt inzwischen immer mehr Menschen mit Down-Syndrom, die studiert haben. Beim vorletzten Holocaust-Gedenktag am 30. Januar 2017 trug ein gelernter Schauspieler mit Down-Syndrom Texte vor. Es ist es gut, dass inzwischen viel mehr über die Paralympics berichtet und die Auswirkungen von Pflegebedürftigkeit gesprochen wird als früher. Man kann vor Herausforderungen weglaufen – oder man kann sich ihnen stellen und an ihnen wachsen. Aus den Worten meines Freundes Naftali spricht Entschlossenheit, sich dem zu stellen, was man „Leben“ nennt. Er und seine Frau haben meine Hochachtung dafür.

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