Forschung hinter Paywalls: “Kein akademisches System, wie ich es will”

Ein Film als Aufhänger, eine Diskussion, die sich darum drehte, welche Veränderungen sich Akteurinnen und Akteure im System des wissenschaftlichen Publizierens wünschen.

Der Ausgangspunkt: Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), die Frankfurt Open Science Initiative und das ZPID – Leibniz-Zentrum für Psychologie Information und Dokumentation hatten an der Goethe-Universität Frankfurt eine Vorführung des Films “PAYWALL – The Business of Scholarship” organisiert, gefolgt von einer Podiumsdiskussion.

Der Film beleuchtet das etablierte wissenschaftliche Publizieren. Wie die Filmemacher aufzeigen, machen die größten wissenschaftlichen Verlage hohe Gewinne, weil Autorinnen und Autoren für ihre Arbeit nicht bezahlt, die Publikationen dann aber für viel Geld verkauft werden. Die Mehrzahl der Interviewten im Film spricht sich für einen offenen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur aus.

Ein Anliegen, dass die Teilnehmer/-innen der Podiumsdiskussion in Frankfurt grundsätzlich teilten. Dr. Tanja Gabriele Baudson ist Hochbegabungsforscherin an der Universität Luxemburg und engagiert sich am Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE), das sich für offene wissenschaftliche Praktiken einsetzt.

Als Nachwuchswissenschaftlerin sei sie im jetzigen System jedoch quasi gezwungen, bei etablierten Verlagen zu publizieren, um sich zu qualifizieren. “Es ist in der Tat eine Entscheidung zwischen Werten und Karriere”, sagte Baudson. “Das ist kein akademisches System, wie ich es will.” Forschungsergebnisse zeigten, dass der Journal Impact Factor ungeeignet sei, um Individuen zu bewerten. Sie selbst würde sich mehr Qualität statt Quantität wünschen: “Viel publizieren heißt: weniger Zeit pro Artikel. Dass immer mehr Artikel korrigiert oder zurückgezogen werden müssen, verwundert daher nicht.”

Die hohen Profite der im Film gezeigten Verlage kritisierte sie als “unanständig”. Dr. G.-Jürgen Hogrefe, Geschäftsführer der Hogrefe-Verlagsgruppe, stellte klar, dass nur ein paar wenige große Verlage eine Profitmarge von 30 bis 40 Prozent hätten und nicht wie der Film suggeriert die wissenschaftlichen Verlage generell. Auch sonst ist der Film laut Hogrefe in vielen Punkten unsachlich, setze eher auf emotionalisierende filmische Effekte als auf Fakten. “Ein Propagandafilm. Das ist besonders bedauerlich, da für den an sich erstrebenswerten Übergang zu Open Access eine konstruktive und sachliche Diskussion notwendig ist.”

Und Hogrefe ist wichtig zu betonen, dass die wissenschaftlichen Verlage zu den Vorreitern der Digitalisierung zählten und neben der Wahrnehmung ihrer traditionellen Funktionen, wie z. B. der Qualitätssicherung, ein hocheffizientes System der elektronischen Literaturversorgung aufgebaut hätten.

“Mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu mehr wissenschaftlicher Information als je zuvor. Man kann es drehen und wenden wie man will: Ob im Subskriptionsmodell oder Open Access, das kostet Geld.” Die Einigungen der Universitäten mit den großen Verlagen im Rahmen des Projekts DEAL, die rege diskutiert wurden, sieht er kritisch. Es fördert seiner Meinung nach unbeabsichtigt sogar noch die allseits bemängelte Konzentration im wissenschaftlichen Verlagsbereich und bedroht die Existenz kleinerer Verlage.

Auch das Open-Access-Publizieren ist mit Kosten verbunden. Prof. Dr. Christian Fiebach, Schriftführer der DGPs und Moderator der Diskussion schilderte seinen Eindruck, dass das Hybrid-Open-Access-Modell, bei dem in klassischen “closed-access”-Zeitschriften einzelne Artikel “freigekauft” werden können, sogar höhere Kosten mit sich bringe als das Publizieren in reinen OA-Zeitschriften. “Das ist so”, bestätigte ihn Dr. Roland Wagner, Open-Access-Beauftragter der Goethe-Universität Frankfurt.

Warum? “Weil die Verlage es machen können.” Die Zugänglichkeit wird im Rahmen des Projekts DEAL zukünftig mit den großen Verlagen deutschlandweit realisiert werden. Dr. Wagner bewertet diese Entwicklung positiv, da sie seiner Meinung nach die Möglichkeit bietet, die weitere Kostenentwicklung zu kontrollieren.

Einen anderes Modell bietet das ZPID mit seiner Publikationsplattform PsychOpen GOLD. Öffentlich gefördert kann das Institut Lesern vollen Zugang zu Veröffentlichungen bieten, für Autorinnen und Autoren fallen keine Publikationsgebühren (APCs) an. “Wie ist die Nachfrage?”, wollte Fiebach von ZPID-Direktor Prof. Dr. Michael Bosnjak wissen. “Die Nachfrage übertrifft unsere Kapazitäten bei Weitem”, erklärte Bosnjak. “Aktuell betreuen wir acht Journals. Bis 2025 sollen 20 wissenschaftliche Zeitschriften angeboten werden. Wir verstehen uns als Inkubator für neue, vielversprechende psychologische Fachzeitschriften. Zudem möchten etablierte Top-Journals, darunter Judgment and Decision Making, zu PsychOpen GOLD umziehen.”

Bosnjak betonte, dass sich die Open-Science-Bewegung momentan an einem Scheideweg befinde: Will sie sich privatwirtschaftlich vereinnahmen lassen oder öffentlich und frei verfügbar bleiben? “Das ZPID ist und bleibt ein ausschließlich missionsorientierter Partner der psychologischen Profession in Forschung, Lehre und Anwendung und verfolgt als Anstalt des öffentlichen Rechts keinerlei kommerzielle Interessen.”

(Sender/Quelle: Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation/Weber)

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