Agentur für Sprunginnovation: Wenn Innovation mit der Wirtschaft fremdelt

Deutschland hat nun seinen Beauftragten für Sprunginnovation mit Rafael Laguna gefunden. Er soll die Agentur für Sprunginnovation – (c) Bundesregierung – als nicht-kaufmännischer Geschäftsführer leiten. Sein Budget beläuft sich auf 1 Milliarde Euro verteilt auf 10 Jahre, was mehr als bescheiden ist.

Alleine Amazon investierte in Innovation im Fiskaljahr 2018 rund 22,6 Milliarden US-Dollar. Gesamt investieren die Top 1000 der globalen Unternehmen 2018 rund 800 Milliarden US-Dollar in Innovation, was einer Steigerung von rund 11% zum Jahr 2017 entspricht.

In diesem hochkompetitiven Umfeld ist man mit lediglich 100 Millionen pro Jahr denkbar schlecht und bescheiden aufgestellt.

Es wirkt so befremdlich wie Kreise der FPD monieren, dass niemand außerhalb Deutschlands als möglichen Kopf der geplanten Agentur für Sprunginnovation gesucht worden ist. Es nimmt den Anschein, dass der richtige Stallgeruch entscheidend war, ein Stall, der aber ausgemistet gehört.

Gerne wird immer wieder das MP3-Trauma zitiert, was nie mehr so Deutschland geschehen dürfe, so der einhellige Tenor. Doch MP3 war die kleinste der “Niederlagen”, denn es entstanden die Global Player der Netzwerkökonomie wie Facebook, Google oder Amazon eben nicht in Deutschland oder in Europa.

Dies hängt nicht an der Technologie, sondern an den Rahmenbedingungen, dem Mut, dem sehr schwerfälligen und in weiten Teilen autoritär aufgestellten Forschungsbereich und am de-facto fehlenden risikoaffinen deutschen bzw. europäischen Kapitalmarkt.

Es ist mehr eine selbstreferentielle Wohlfühl- und Komfortzone, die man sich da in Deutschland und Europa gebastelt hat, die nun global ordentlich herausgefordert wird.

MP3-Gate – als Platzhalter gemeint – wird sich sicher nicht so wiederholen und weist auch in die falsche Richtung, wenn man darauf orientiert: Denn die Disruptionen von morgen liegen im kommunikativen, informationellen, vernetzenden Bereich, in der Netzwerkökonomie wie beispielsweise Facebook und Co aktuell mit ihrer Initiaitve LIBRA neuerlich vorturnen (und das europäische Bankwesen dies völlig verschläft und verschlafen hat) oder Philosophen wie Yuval Noah Harari unter dem Schlagwort “hackable animal” ausführen. Da liegt die Latte, die es gilt zu überspringen.

MP3 wurde woanders zum Erfolg, namentlich USA, geführt, zum Markt gemacht, aber eben nicht in Deutschland. Die Rahmenbedingungen, die dies verhindert haben, bestehen bis heute, ja manche meinen – durchaus berechtigt – haben sich diese noch mal signifikant verschlechtert.

Hier habe eigentlich eine Agentur für Sprunginnovation anzusetzen. Es geht um Ökonomie, es geht um Freiheit, stupid.

Auf die Verlängerung von MP3 – als pars pro toto Platzhalter gemeint hier – zu setzen, wäre schon im Ansatz ein strategisches und konzeptionelles Scheitern für eine Agentur für Disruption.

Denn die MP3-äquivalenten Erfindungen und Innovationen bis hin Disruptionen werden in Deutschland nach wie vor gemacht, aber sie verschwinden in das Ausland oder die Innovatoren geben zermürbt nach der dritten Runde mit der Bürokratie und scheitern an der schon absurden Ängstlichkeit und Sicherheitsdenke des deutschen Kapitalmarktes, der am liebsten nur in ausfallsichere Staatsanleihen und Immobilien investieren möchte.

Ab und an, fallen ein paar Milliönchen auf die Start-ups ab, was man eher als PR-Strategie erkennen muss, denn klar umgibt man sich gerne mit dem Nimbus des Rooky, des innovativen Um-die-Ecke-Denker, Visionär etc. pp. All das, was Deutschland und zunehmend Europa eben nicht (mehr) haben.

Oder wie es die Bundesregierung sperrig – und sich einmal mehr mit einem deutschen Sonderweg aus dem globalen Diskurs anschickt nehmen zu wollen – als “Sprunginnovation” bezeichnet. Worte sind nicht unerheblich, sie sind das Morphem des Narrativs und die Disruptionen von morgen, werden über erfolgreiche Narrative mit entschieden.

Was er, Laguna, vor seiner Berufung gesagt und gemeint hat (so vor dem GRÜNEN Zukunftskongreß), soll hier einmal außen vor gelassen werden, ebenso seien seine Verdienste für die Open Source Bewegung unbenommen.

Er schlägt ohne Zweifel ein für sich neues Kapitel auf, eine neue Rolle und Aufgabenbereich, womit man ihm die Stunde Null und auch seine ersten 100 Tage einräumen soll. Also, eine Art tabula rasa, auch wenn es mehr ein Palimpsest ist.

Interpreation des ersten Mission-Statements

Umso mehr gilt es, die ersten autorisierten Zitate auf die Goldwaage zu legen. So lässt sich Laguna in der Presseaussendung des BMWi zitieren:

Die Aufgabe, eine solche Agentur zu schaffen, ist ungemein vielversprechend und reizvoll, und für mich persönlich die konsequente Fortsetzung meiner Mission, europäisch-humanistisch geprägte, wirtschaftsnahe Innovation zu schaffen.

Ohne nun auf seine früheren Äußerungen zu rekurieren, auch wenn dieses Zitat als kondensierte Verlängerung seiner bisherigen Statements wirkt, lässt sich ein “Fremdeln” mit der Wirtschaft erkennen, denn Innovation soll mal nur und lediglich “wirtschaftsnah” sein, so meine Interpretation

Sie, die Innovation, so der interpretierte Subtext, habe sich erstens seiner persönlichen Mission zu beugen, was ich auch als eher suboptimale Botschaft erachte, denn es kann bei der Agentur für Sprunginnovation nicht um die “konsequente Fortsetzung” von persönlichen Missionen gehen.

Sei die Mission noch so verdienstvoll, aber eine solche Agentur ist keine Selbstverwirklichungsbühne und der Missionsbegriff erscheint mir mehr als unglücklich. Im Namen von Missionen sind zahllose Greuel geschehen und oft der Einzelene und seine Freiheit für die Mission geopfert worden.

Die “persönliche Mission” kann per se kein nachhaltiger, gehaltvoller strategischer Ansatz sein. Strategie sollte über den eigenen persönlichen Tellerrand hinausweisen.

Worte wie “konsequent” unterstreichen diesen persönlichen, eher autoritär wirkenden Ansatz und erscheinen wie aus der Zeit gefallen. Sie erinnern mehr an linken Agitprop-Sprech und nerdigen Allmachtsphantasien.

Schließlich lassen die Worte “europäisch-humanistisch” ein ideologisches Programm vermuten, schließen andere europäische Geistes- und Kulturstränge definitiv aus und bedürfen doch der präziseren Verortung, was denn nun damit eigentlich und wirklich gemeint sei.

So wirkt es wie eine Gummiphrase, mit welcher man dann beliebig sich erklären und rechtfertigen kann. Solchen Sprachgebrauch ist man eher von der Politik gewohnt und zunehmend überdrüssig.

Von jemanden, wo es um Sachfragen und um Innovation, Disruption geht, besonders wo es auf Narrative und Netzwerkökonomie ankommt, erwarte ich mehr und besseres.

Humanismus und Europa sind einfach zu unklare Begriffe, als dass man sie als sich selbsterklärende Worte einfach mal voranstellen und unproblematisch und vollständig für sich vereinnahmen könne, zudem der Humanismus – wie beispielweise der “Reale Humanismus” des Sozialismus wie von Heinrich Deiters formuliert oder der “agressive Humanismus” eines Philipp Ruch – seine mehr als dunklen und problematischen Seiten hat.

Oder man könnte Foucault zitieren, damit markiert wird, wie groß die Fußabdrücke sind, wo sich Laguna da einfach mal hineingestellt hat und wie groß der Rahmen des Diskurses ist:

Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat: Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. […] Je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist: die Seele (souverän gegenüber dem Leib, Gott unterworfen), das Gewissen (frei im Bereich des Urteils, der Ordnung der Wahrheit unterworfen), das Individuum (souveräner Inhaber seiner Rechte, den Gesetzen der Natur oder den Regeln der Gesellschaft unterworfen).

Sich derart leichtgewichtig hinzustellen, ist nicht hilfreich und man muss mehr und besseres erwarten. Von einer Agentur für Sprunginnovation muss man sich auch ein innovatives, disruptives Denken und Worte über sich, die Strategie und das komplexe Verhältnis Technologie-Gesellschaft erwarten dürfen, wenn man mit diesen Fragen und Positionen schon aufschlägt.

Angesichts der Tatsache, dass Disruption und Innovation global stattfinden, und sich eben einer europäischen Mission wie “Humanismus” – welchen denn nun? – entziehen, ist es in diesem Zitat weiters bemerkenswert, dass Laguna nur von Innovation spricht, was nun weder Disruption noch Sprunginnovation im aktuellen Diskurs entspricht. “Konsequenz” einerseits, state-of-the-art andererseits, sehen anders aus.

Mehr ist nicht zu sagen, denn mehr wurde nicht gesagt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.